laura freudenthaler — AT news

Laura freudenthaler: Eine moderne Scheherazade in ihrem neuen Roman „Iris“

Eine moderne Scheherazade: Laura Freudenthalers neuer Roman „Iris“

Laura Freudenthaler zählt zu den markantesten österreichischen Autorinnen ihrer Generation. Ihr neuer Roman „Iris“ beschäftigt sich mit der Frage, wie man von einer krisengebeutelten Gegenwart auf literarisch gültige Weise erzählen kann. Die titelgebende Hauptfigur ist Schriftstellerin und führt ein prekäres, unstetes Leben, in dem zwischenmenschliche Beziehungen sowohl Spiegel als auch Hoffnung der Zeit sind, in der sie lebt. Den allgegenwärtigen Zerfallserscheinungen hält sie das Erzählen entgegen: eine moderne Scheherazade.

Freudenthalers literarische Entwicklung

Laura Freudenthaler gehört seit ihrem Debüt „Der Schädel von Madeleine“ (2014) zu den eigensinnigsten Autorinnen im deutschsprachigen Raum. Die in Salzburg geborene, heute 42-jährige Schriftstellerin lebt und schreibt in Wien und wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Anton-Wildgans-Preis.

Beziehungen als Spiegel der Gesellschaft

Eines der vorherrschenden Themen ihrer Literatur sind zwischenmenschliche Beziehungen, insbesondere die zwischen Mann und Frau. „Es sei eminent politisch, über Beziehungen zu schreiben“, sagt Freudenthaler im ORF-Interview, da sich darin sämtliche tradierte und aktuelle Machtverhältnisse und Hierarchien widerspiegeln. Nicht nur darin ist Freudenthaler der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann verwandt, auf deren Werke sich ihre Texte immer wieder beziehen. So auch ihr jüngster Roman.

Der neue Roman „Iris“

Der neue Roman ist vor allem um die Beziehung zwischen der Schriftstellerin Iris und Anton, einem Künstler, aufgebaut, der eine der wichtigsten Bezugspersonen der Hauptfigur ist. Iris führt ein unruhiges Leben, ist viel auf Reisen und auf Lesereisen. Das Gefühl einer grundlegenden Unbehaustheit prägt ihr Dasein. Atemlosigkeit, die sich in den seitenlangen, punktlosen Sätzen ausdrückt, ist ein weiteres Merkmal: jedes Kapitel besteht aus einem Satz.

Gesellschaftskritik und literarische Genauigkeit

Beides, die Unbehaustheit und die Atemlosigkeit, beschreibt Freudenthaler als Effekte einer Welt, in der die Ökonomisierung und Digitalisierung sämtlicher Lebensbereiche rücksichtslos voranschreitet. Die steigenden Lebenshaltungskosten, der abnehmende Wert der Geisteswissenschaften und der Kunst sowie die Prekarisierung der Verhältnisse werden nicht edukativ, sondern beiläufig als bedrohliches Hintergrundrauschen erzählt.

Der Krieg als schwerstes Menschheitserbe

Die privaten und äußeren Verhältnisse im Roman sind von unterschiedlichsten Kriegszuständen geprägt. Der Krieg ist omnipräsent, insbesondere der zwischen den Geschlechtern. Freudenthaler verwebt vergangenes und gegenwärtiges Grauen, um sichtbar zu machen, dass die Menschheit aus verschiedenen Schichten von Gewalt besteht. Im Roman heißt es an einer Stelle: „Das zivilisierte Leben mussten wir lernen, den Krieg verlernt man nicht.“

Hexenprozesse und deren Bedeutung

In „Iris“ spielen die blutigen Hexenprozesse von Salem eine zentrale Rolle. Die Autorin beschäftigt sich obsessiv mit diesen Ereignissen, die sich Ende des 17. Jahrhunderts in Neuengland ereigneten. „Man ging davon aus, Hexenwissen würde von einer Generation zur nächsten weitergegeben, wenn nicht gar vererbt, und sei nur durch die Hinrichtung von Mutter und Tochter auszumerzen“, ist in „Iris“ zu lesen.

Das Erzählen als Überlebensinstrument

Das Erzählen selbst wird als eines der wichtigsten Instrumente des Überlebens inszeniert. Ähnlich wie die Figur der Scheherazade in „Tausendundeine Nacht“ erzählt Iris Geschichten, um sich gegen den eigenen Untergang und die Abgründe ihrer Gegenwart zu wehren. Das Erzählen hält sie lebendig und ist ihre Art des Widerstands gegen patriarchale Repressionen.

Fragilität und formale Raffinesse

Freudenthaler beschreibt ihre Texte als aus einer Suchbewegung heraus entstanden. Diese Fragilität der Sprache wird von hoher formaler Entschiedenheit und Raffinesse begleitet. Ingeborg Bachmann bemerkte, dass es eine Literatur braucht, die „scharf von Erkenntnis“ und „bitter von Sehnsucht“ ist, um an den Schlaf der Menschen rühren zu können. Wer Freudenthalers „Iris“ liest, wird möglicherweise schlecht schlafen, dafür aber hellwach durch die Tage gehen, ermuntert zu neuer Wahrnehmung und im Bewusstsein, dass Desillusionierung eine Form der Aufklärung ist.